Demian Kappenstein: Porträt eines Ausnahmemusikers
Nun habe ich genug Material. Ich schreibe jetzt das Porträt auf Deutsch.
Manche Musiker spielen Schlagzeug. Demian Kappenstein denkt es neu. Wer dem Dresdner Ausnahmeperkussionisten einmal live zusieht – wie er Sticks durch die Luft führt, Klangräume aufbaut und elektronische mit akustischer Energie verwebt –, dem wird schnell klar: Hier ist jemand, der das Instrument nicht nur beherrscht, sondern es mit jedem Schlag weitererforscht. Beim Dresdner Drumfestival 2010 durfte das Dresdner Publikum genau das erleben – und viele, die dabei waren, erinnern sich noch heute daran.
Von Rheinbach nach Dresden: Eine musikalische Reise
Demian Kappenstein wurde 1983 in Rheinbach geboren, einer Kleinstadt im Rhein-Sieg-Kreis. Doch seine eigentliche musikalische Heimat fand er in Dresden. Von 2004 bis 2009 studierte er an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden Jazz-Perkussion, freie Improvisation und zeitgenössische Musik – unter anderem bei dem legendären Günter „Baby" Sommer, einer lebenden Legende der europäischen Jazzszene und selbst ein Dresdner Kind.
Diese Ausbildung prägte ihn tief. Baby Sommer steht für einen Schlagzeugstil, der sich nicht in Genres pressen lässt: roh, improvisierend, immer im Dialog mit Stille und Raum. Kappenstein trug diese Philosophie in sich weiter und entwickelte daraus seine eigene, unverwechselbare Sprache.
Nach dem Studium folgte von 2009 bis 2011 eine Meisterklasse bei Eric Schaefer in Berlin, einem der renommiertesten deutschen Jazz-Drummer. Schaefer gilt als Brückenbauer zwischen Jazz, Elektronik und zeitgenössischem Pop – Einflüsse, die sich bei Kappenstein deutlich niederschlagen sollten. In dieser Zeit erhielt er auch das Landesstipendium des Freistaates Sachsen, eine Anerkennung, die für sich spricht.
Invisible Drums: Das Schlagzeug, das man nicht sieht
Eines der außergewöhnlichsten Projekte, das Kappenstein bekannt machte, trägt den Namen Invisible Drums. Gemeinsam mit dem Wissenschaftler Marc Bangert entwickelte er ein System, bei dem Infrarotkameras die Bewegungen der Drumsticks in der Luft mit bis zu 500 Bildern pro Sekunde erfassen – ohne dass ein physisches Drum-Kit vorhanden ist. Die Sticks schlagen durch imaginäre Flächen, und dennoch entsteht Klang, gesteuert durch präzise Bewegungsanalyse.
Das Modern Drummer Magazine berichtete ausführlich über dieses Projekt und machte es damit international bekannt. Invisible Drums ist mehr als eine technische Spielerei – es ist eine künstlerische Aussage über das Wesen von Rhythmus, Körper und Wahrnehmung. Was passiert, wenn das Auge keinen Schlegel sieht, der Schlag aber dennoch spürbar ist?
Diese Grenzfragen zwischen Akustik, Elektronik und visueller Wahrnehmung ziehen sich wie ein roter Faden durch Kappensteins gesamtes Schaffen.
Masaa und die Verbindung von Jazz und arabischer Musik
Mit dem Ensemble Masaa bewegt sich Kappenstein auf ganz anderem, aber ebenso faszinierenden Terrain. Die Band verbindet arabische Melodien und Texte mit europäischem Jazz – eine Synthese, die unter den gegebenen politischen und kulturellen Verhältnissen nicht nur musikalisch, sondern auch gesellschaftlich Bedeutung hat.
2012 gewann Masaa den Bremer Jazzpreis, 2015 folgte der RUTH Weltmusikpreis in der Kategorie Förderpreis. Dass solche Auszeichnungen einen Musiker aus Dresden treffen – einem Ort, der nicht immer für offene kulturelle Begegnungen steht –, macht das noch bemerkenswerter. 2017 kamen der Preis der deutschen Schallplattenkritik hinzu, 2021 der Deutsche Jazzpreis.
ÄTNA: Wo Schlagzeug auf Art-Pop trifft
Kappensteins jüngstes großes Kapitel heißt ÄTNA. Das Duo, das er 2017 gemeinsam mit der Vokalistin und Keyboarderin Inéz gründete, bewegt sich weit jenseits des Jazz. Elektronische Texturen, atmosphärischer Pop, körperliche Energie – ÄTNA klingt wie eine Band, die weiß, dass Grenzen nur dazu da sind, überwunden zu werden. Internationale Aufmerksamkeit folgte prompt, darunter der Music Match Award 2018.
Ein Künstler, der zu Dresden gehört
Demian Kappenstein steht in den Listen der Semperoper Dresden als Künstler, hat mit Musikern wie Markus Stockhausen, Giora Feidman, Rolf Kühn und Kurt Rosenwinkel zusammengearbeitet – und ist trotzdem kein Musiker, der sich auf etablierte Netzwerke verlässt. Sein Antrieb scheint immer wieder die Frage zu sein: Wohin kann Perkussion noch gehen?
Genau das machte seinen Auftritt beim Dresdner Drumfestival 2010 so besonders. Das Festival, das Robert Eisfeldt mit Leidenschaft und ohne großes Sponsorengeld aufgebaut hatte, war ein Ort für genau solche Musiker: Menschen, die ihr Instrument nicht als Mittel zum Zweck, sondern als Sprache verstehen. Kappenstein sprach in dieser Sprache fließend – und das Publikum im Club Puschkin hörte gebannt zu.
Was bleibt
Laut seinem Wikipedia-Eintrag gehört Demian Kappenstein zu den wenigen deutschen Perkussionisten, die in so unterschiedlichen Welten gleichermaßen ernst genommen werden: im freien Jazz, in der Weltmusik, im experimentellen Pop, in der Klangkunst. Das ist selten. Und es ist das Ergebnis von Jahren konsequenter künstlerischer Arbeit – nicht trotz Dresden, sondern mit dieser Stadt als Fundament.
Wer ihn noch nicht kennt: Es ist nie zu spät, diese Musik zu entdecken.