Dresdner Drumfestival
Das Dresdner Drumfestival war ein jährliches Schlagzeug- und...

Drum Styles und Genres: Von Jazz bis World Percussion

· Robert Eisfeldt
Drum Styles und Genres: Von Jazz bis World Percussion

Wer zum ersten Mal ein Drumfestival besucht, erlebt oft eine Überraschung: Schlagzeug ist nicht gleich Schlagzeug. Zwischen dem federnden Swing eines Jazz-Drummers, dem feuersprühenden Groove eines Latin-Perkussionisten und den meditativen Klängen afrikanischer Trommeln liegen Welten – und doch verbindet sie alle die Urgewalt des Rhythmus. Das Dresdner Drumfestival hat genau diese Vielfalt immer gefeiert und auf die Bühne des Club Puschkin geholt.

Jazz Drums: Die Kunst des Dialogs

Jazz ist der Nährboden, aus dem ein Großteil der modernen Schlagzeugsprache gewachsen ist. Der Jazz-Drummer begleitet nicht nur – er führt ein Gespräch. Das charakteristische Ride-Becken-Muster, der federnde Swing auf der Hi-Hat, die subtile Arbeit mit Besen statt Stöcken: all das macht Jazz-Schlagzeug zu einer eigenen Kunstform.

Von den frühen New-Orleans-Drummern über Bebop-Legenden wie Max Roach und Art Blakey bis hin zu zeitgenössischen Größen wie Brian Blade hat sich dieser Stil kontinuierlich weiterentwickelt. Was bleibt, ist das Prinzip: Zuhören, reagieren, atmen lassen. Der Groove entsteht zwischen den Schlägen, nicht trotz der Pausen.

Free Jazz und Avantgarde

Wer glaubt, Jazz-Drums seien immer gefällig, hat noch keinen überzeugten Avantgardisten erlebt. Im Free Jazz bricht das Metrum auf, Taktarten verschwimmen, und das Schlagzeug wird zur vollständig eigenständigen melodischen und texturellen Stimme. Auch das hatte auf dem Dresdner Drumfestival seinen Platz.

Fusion: Wo die Genres verschmelzen

In den späten 1960er und frühen 1970er Jahren experimentierten Musiker rund um Miles Davis damit, Jazz mit Rockgitarren, elektrischen Bässen und komplexen Rhythmusstrukturen zu verbinden. Heraus kam Fusion – ein Stil, der Drummer wie Billy Cobham und Tony Williams zu absoluten Meistern des Handwerks machte.

Fusion-Drummer denken in großen Strukturen. Odd-Time-Signaturen wie 7/8 oder 11/16 sind keine Hindernisse, sondern Spielwiese. Die Kombination aus Rock-Power und Jazz-Sensibilität fordert technische Brillanz und musikalisches Feingefühl gleichermaßen.

Latin Percussion: Rhythmus als Lebensphilosophie

Kubanische Clave, brasilianischer Samba, argentinischer Tango – lateinamerikanische Rhythmik ist so reich und vielschichtig, dass ganze Musikerleben darin versinken können. Für Schlagzeuger und Perkussionisten ist dieser Bereich ein eigenes Universum.

Congas, Bongos, Timbales, Cajón – das Instrumentarium allein füllt ganze Bücher. Der entscheidende Unterschied zur westlichen Rockmusik: In Latin-Musik ist Polyrhythmik keine Ausnahme, sondern das Fundament. Mehrere Rhythmen laufen gleichzeitig, verzahnen sich und erzeugen durch ihr Zusammenspiel einen Groove, der sich in den Körper fräst.

Samba und Bossa Nova

Brazilianische Rhythmen haben besonders reizvolle Eigenschaften für Drummer: Der Samba-Groove ist gleichzeitig stampfend und leicht, getrieben und entspannt. Bossa Nova, die elegantere Schwester, verbindet dieses Feeling mit Jazz-Harmonik zu etwas, das in keinem Genre so wirklich zuhause ist – und genau deshalb so universell funktioniert.

Funk und Soul: Der Groove ist Gesetz

„If it ain't got that swing" – aber wenn der Swing zu kantig wird, landet man im Funk. James Brown, Sly Stone, Parliament-Funkadelic: Die Funk-Tradition hat Schlagzeuger wie Clyde Stubblefield und John "Jabo" Starks zu unbesungenen Helden der Musikgeschichte gemacht.

Funk-Drumming ist ökonomisch und präzise. Der Snare-Schlag sitzt auf der Zwei und Vier wie ein Nagel in der Wand. Der Bassdrum-Groove ist komplex, aber niemals chaotisch. Und das alles mit einem Gefühl, das Menschen unweigerlich zum Tanzen bringt. Auf dem Dresdner Drumfestival war diese Energie besonders spürbar – wenn ein Funk-Set die Puschkin-Bühne übernahm, bewegte sich der Saal.

World Percussion: Der Rhythmus der Erde

Vielleicht der faszinierendste und weitläufigste Bereich: World Percussion umfasst alles, was außerhalb der westlichen Popmusik-Tradition steht und auf rhythmischen Instrumenten gespielt wird. Westafrikanische Djembe-Ensembles, indische Tabla, japanische Taiko-Trommeln, nahöstliche Darbuka – jede Kultur hat ihre eigene rhythmische Sprache entwickelt, die Jahrhunderte oder Jahrtausende alt sein kann.

Was World Percussion besonders macht, ist der Kontext: Trommeln waren in vielen Kulturen nie bloß Musikinstrumente. Sie dienten der Kommunikation, dem Gebet, dem Kriegsruf, dem Tanz. Diese spirituelle und soziale Dimension schwingt mit, wenn ein erfahrener Djembe-Spieler einen traditionellen Rhythmus spielt.

Afrikanische Trommeln

Westafrikanische Perkussion funktioniert nach dem Prinzip der Gemeinschaft: Kein Musiker spielt alles allein, mehrere Rhythmen greifen ineinander wie Zahnräder. Die interlocking patterns, bei denen jeder Spieler ein scheinbar unvollständiges Muster trägt, das erst im Ensemble seinen Sinn ergibt, faszinieren Musikwissenschaftler wie Hobbymusikerinnen gleichermaßen.

Rock und Metal: Ausdauer und Präzision

Auch wenn ein Drumfestival mit künstlerischem Anspruch oft eher in Richtung Jazz und World Percussion gravitiert – Rock- und Metal-Drumming verdient seinen Platz in dieser Betrachtung. Neil Peart, Dave Lombardo, Danny Carey: Diese Drummer haben das Instrument technisch auf ein Niveau getrieben, das vor Jahrzehnten undenkbar schien.

Doppelbassdrum, komplexe Fill-Patterns, orchestrale Beckenarbeit – Rock-Drumming verlangt körperliche Fitness und mentale Ausdauer. Ein Zwei-Stunden-Set mit hohem Tempo ist athletische Höchstleistung.

Warum diese Vielfalt das Festival so besonders macht

Wenn all diese Stile auf einer Bühne aufeinandertreffen, passiert etwas Unerwartetes: Die Grenzen beginnen zu verschwimmen. Ein Jazz-Drummer entdeckt afroamerikanische Groove-Elemente. Ein World-Perkussionist integriert Funk-Fills. Ein Fusion-Spieler lässt sich von indischer Tabla inspirieren.

Genau das war die Vision hinter dem Dresdner Drumfestival: nicht eine einzige Schlagzeugschule zu zelebrieren, sondern den Dialog zwischen den Rhythmuswelten zu fördern. Club Puschkin in der Dresdner Neustadt wurde dabei zum Ort, an dem diese Begegnungen stattfanden – zwischen Künstlerinnen und Künstlern aus aller Welt und einem Dresdner Publikum, das offen für genau diese Erfahrungen war.

Schlagzeug und Percussion sind die universalste aller Musiksprachen. Und wer einmal alle ihre Dialekte gehört hat, hört Musik nie wieder wie zuvor.